Krieg und Flucht

Der die Flucht auslösende und mit gravierenden Folgen endende Zweite Weltkrieg begann am 1.9.1939. Von den Kriegsereignissen waren wir lange Zeit kaum tangiert. Dann zunächst fast episodenhaft die Tage um den Beginn des Feldzuges gegen die Sowjetunion. Er begann am 22.6.1941. Es war ein Sonntag, ein warmer und sonniger Sommertag. Der deutsche Angriff erfolgte um 03.00 Uhr. Nur wenige Meter von uns entfernt marschierten mehrere Stunden Soldaten in Kolonnen an uns vorbei in Richtung litauische Grenze. Die Front verlagerte sich schnell nach Osten, so daß vom eigentlichen Kriegsgeschehen nach wenigen Tagen kaum noch etwas zu spüren war. Es folgte eine Phase von fast 3 Jahren, in der die Kriegsschauplätze weit von uns entfernt lagen. Doch der Kriegsverlauf kehrte sich zunehmend um, die Front verlagerte sich nach Westen. Am 22.6.1944, 3 Jahre nach Beginn des Rußlandfeldzuges, begann die sowjetische Sommeroffensive, mit der Folge, daß die (erste) Flucht aus Kornberg Anfang August 1944 unumgänglich wurde.

Die Flucht aus Kornberg vollzog sich im wesentlichen in drei Phasen:

1. Flucht am 2.8.1944

Der Befehl zur Räumung des Dorfes Kornberg erging am Nachmittag des 2.8.1944. Bis dahin sind die Einwohner offenbar fast ausnahmslos am Wohnort verblieben. Es kann angenommen werden, daß die Ortsbewohner dem Räumungsbefehl grundsätzlich gefolgt und überwiegend in den nördlichen Teil des Kreises Goldap geflüchtet sind. Das Großvieh war zeitgleich weggetrieben worden. Die Menschen kehrten durchweg bald auf ihre Anwesen zurück und wirtschafteten eingeschränkt weiter.

2. Evakuierungen

In der ersten Oktoberhälfte 1944 wurden im Rahmen verschiedener Maßnahmen einige Familien aus Kornberg evakuiert. Der Transport mit der Bahn führte in das Vogtland bzw. in den Raum Chemnitz - später weiter nach Thüringen

3. Endgültige Flucht am 17.10.1944

Alle anderen Bewohner mußten Kornberg am 17.10.1944 überstürzt verlassen. Fluchtziel war nach den Evakuierungsplänen der Kreis Rößel.
Dabei wurden am Abend des 17.10.1944 sechs oder sieben Personen im nicht einmal 10 km entfernten Nassawen durch russische Bomben getötet.
Im übrigen erreichten die vorher nicht evakuierten Kornberger abgesehen von wenigen Ausnahmen den Kreis Rößel. Sie wurden in verschiedenen Orten untergebracht.


Fünf Familien setzten die Flucht aus dem Kreis Rößel überwiegend mit dem Treck bereits ab November 1944 fort und erreichten Mecklenburg bzw. Niedersachsen.

Alle weiteren Kornberger Familien verblieben mehrere Monate in ihren Quartieren im Kreis Rößel. Die meisten von ihnen versuchten Ende Januar 1945 - allerdings erst bei absolut zugespitzter Lage - die weitere Flucht vor den sowjetischen Truppen. Nur ein Teil schaffte es gerade noch, die anderen wurden fast zeitgleich von der Front überrollt.
Die Flucht aus Ostpreußen mit dem Treck gelang - meist ab 30.1.1945 - neun Familien. Ihr Weg führte über die einzige noch offene ("Land"-) Verbindung, nämlich über das Frische Haff und die Frische Nehrung, in Richtung Westen. Sie überquerten die Weichsel wenige Kilometer südlich der Mündung mit der Fähre und fuhren später über die Oderautobahnbrücke unterhalb Stettin (wir am 4.3.1945).

Von den im November 1944 und Januar 1945 mit dem Treck aus Ostpreußen geflüchteten Kornbergern erreichten nur fünf Familien später von den Westmächten besetztes Gebiet - nämlich Schleswig-Holstein bzw. Niedersachsen, und zwar Ende März 1945. Für die übrigen endete die Flucht im russischen Einwirkungsbereich - im Westteil Mecklenburgs.

Nachfolgend exemplarisch unsere Fluchtstrecke mit Zeit- und Entfernungsangaben.


Zwei Familien haben auf dem Frischen Haff Pferd und Wagen verloren, konnten sich aber durchschlagen.

Etwa der Hälfte der im Kreis Rößel einquartierten Familien ist die weitere Flucht nicht gelungen. Sie mußten unter den Russen, später teilweise unter den Polen (die Sowjetunion und Polen hatten sich im August 1945 über die Grenzziehung geeinigt) unter extrem schwierigen Bedingungen leben. Die Überlebenden wurden ausnahmslos meist 1947 ausgewiesen und hatten dabei sich lange hinziehende und mit großen Strapazen verbundene Transporte zu erdulden.

Insgesamt:
Mir scheint es treffend, den Heimatverlust als ein Urerlebnis und die Flucht als eine traumatische Erfahrung zu bewerten.

Das folgende Kartogramm gibt einen Überblick über die Flucht-/Ausweisungsendpunkte der Kornberger Familien. Die Zuordnung ist - ausgehend vom Familienschwerpunkt - auf Landesebene unter grober Lokalisierung erfolgt

In einem weiteren Kartogramm wird ausgewiesen, wo die Kornberger letztlich seßhaft geworden sind. Hier werden Einzelpersonen symbolisiert.

Es sind 59 Personen erfaßt. Bezugsgröße ist die nach der Volkszählung im Jahr 1939 mit 230 angegebene Einwohnerzahl. In diesem Zusammenhang: Mindestens jeder 10. Bewohner des Ortes Kornberg ist im Zweiten Weltkrieg gefallen oder seither vermißt.








zurück


(c) E.Beyer, 2002-2008